Malgorzata Koscholke
EIRENE-Freiwillige in Brasilien
Projekt: StraĂźenkinder

Vor ueber einem Jahr habe ich mich fuer einen Freiwilligendienst entschieden. Bewerbungen, Gespraeche, Kennenlern- Wochenenden und zwei Wochen Vorbereitungsseminar haben mich schließlich nach Recife, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Pernambuco, gebracht. Hier werde ich insgesamt 18 Monate lang im Strassenkinderprojekt Comunidade dos Pequenos Profetas (CPP) – ins Deutsche uebersetzt die “Gemeinschaft der kleinen Propheten” – aktiv sein.
Um acht Uhr morgens oeffnet das Projekthaus der Comunidade dos Pequenos Profetas die Tueren und heisst alle Kinder und Jugendlichen im Alter von 7 – 21 Jahren willkommen. Zwischen 40 und 50 Betreute gehen bei uns taeglich ein und aus. Das Durchschnittsalter liegt bei 16 Jahren.

Die meisten Kinder und Jugendlichen kommen lediglich mit dem, was sie am Leibe tragen: eine flickbeduerftige Hose und ein altes T-Shirt. Einige bringen einen Rucksack mit oder eine Einkaufstuete mit einigen weiteren Klamotten, vielleicht einer Zahnbuerste und einigen fuer sie von Wert erscheinenden Dingen. Die muessen wir auf potenzielle Waffen oder Drogen untersuchen. Klebstoff hineinzuschmuggeln wird des oeffteren versucht, aber ansonsten ist das Durchsuchen nur Vorsichtsmassnahme.
Um 9 Uhr ist Fruehstueck. Die Zeit dazwischen wird fuer Duschen, Kicker und Billiard, Scherzereien, Gespraeche oder als Ruhepause genutzt. 75% der Strassenkinder, die unsere Einrichtung besuchen, sind maennlich, und da kann aus Spass gelegentlich mal Ernst werden. Zu Anfang ist immer ein riesen Durcheinander. Eine der vier Tischreihen ist fuer die Maedchen, die anderen sind fuer die Jungs gedacht, es wird getrennt gespeisst. Das rege Durcheinander von Gespraechen und das Herumgetobe beruhigt sich selten ohne Mitwirken von uns Betreuern. Im Idealfall wird aus der Menge von herumtobenden mitunter ĂĽbermĂĽdet wegnickenden Kids eine aufmerksame Gruppe von Heranwachsenden.

So, daraufhin koennen die kleinen Arbeiten wie Teller waschen oder Badezimmer putzen an die Jugendlichen verteilt werden - die Kinder mĂĽssen sich nicht beteiligen. Nach den Arbeiten geht es vormittags zum Fussball, zur Perkussion oder in den Kunstraum, wo momentan aus Kokusnuessen Kraken und Fische hergestellt werden und in den fairen Verkauf gehen. Die Maedchen widmen sich im ersten Stock, in einer maenner- und vor allem machofreien Zone, kuenstlerischen Aufgaben.
“Diese Kinder haben nichts” ist kurz, prägnant und Mitleid erregend. Es ist ein Satz, mit dem unsere Betreuten oft beschrieben und vorgestellt werden. Es ist nichts anderes als die Instrumentalisierung ihres Leids zum Zwecke des kurzfristigen Geldgewinnens, welches dann zwar in die Projekte fliesst, doch aus den falschen Beweggruenden. Einen Menschen im Augenblick seines Leids abzulichten, ein Kind mit einer Klebstoffflasche, zum Beispiel oder eine Mutter mit ihren ersichtlich hungernden Kindern wirkt sofort: Man ist betroffen, man moechte helfen. Doch wie nimmt der Mensch es auf, der gerade unter Hunger oder anderen Qualen leidet und in diesem Zustand fotographiert wird? Er fuehlt sich uebergangen, blossgestellt, entwuerdigt.
Das gleiche bewirken die Worte: “Diese Kinder haben nichts”. Materiell gesehen besitzen die meisten unserer Betreuten nicht viel von Wert, sie nennen, was sie am Leibe tragen, und manchmal noch ein paar Kleinigkeiten in einer Einkaufstuete ihr Eigen. Doch vom materiellen Mangel abgesehen, haben sie Freude am Leben, von der wir uns ein riesen Stueck abgucken koennen, einen Sinn fuer Gemeinschaft, sie haben Humor, Einfallsreichtum, Ueberlebens- und Kampfgeist, Staerke. Wenn sie zu uns ins Projekt kommen, haben sie den Willen, an ihrem Leben etwas zu aendern. Und wenn man mal miterlebt, wie sie sich ueber die unfaire Behandlung durch die Polizei beschweren, bemerkt man ihren Sinn fuer Gerechtigkeit und ihr Koepfchen. Ich koennte diese Liste noch ewig fortsetzen.
Ich liebe die Arbeit, die ich habe, sehr – obwohl ich sie als sehr stressig und schwierig wahrnehme. Mit Kindern oder Jugendlichen zu arbeiten, war noch nie einfach – und unsere Betreuten mit ihrem Drogenkonsum, Respektmangel, Drang zum Regelnbrechen und ihrer ins Chaos fuehrenden Lebendigkeit bringt mich manchmal an meine Grenzen. Jedoch erlaubt mir der Aufgabenbereich, den ich jetzt habe, naeheren Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen.
Ich lerne die einzelnen Persoenlichkeiten naeher kennen und werde lang nicht mehr nur mit “Tia” (Tante) oder “Hey gringa” angesprochen, sondern mit Malgo. Ich habe Ueberblick ueber einen groesseren Bereich des Geschehens im Haus und bin an erster Front dabei, wenn die Kinder sich freuen und gute Stimmung ins Haus bringen.
Herzlichst
Malgorzata Koscholke
Recife, März 2007