Freiwillig Unterwegs - Aktion Sühnezeichen Friedensdienst: Freiwilligendienst im Ausland

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Deutsche? Türkin? In erster Linie Mensch

Pelin Yildiz
ASF-Freiwillige in Kraków
Projekt: pro vita et spe, Arbeit mit Holocaust-Überlebenden

Freiwilligendienst in Polen (Krakau)

Die Diskussion begann schon im Zug. Auf der Reise von Berlin nach Polen hatte sich zu unserer frisch gebackenen Freiwilligengruppe ein junger Mann aus Großbritannien gesellt, mit dem ich ins Gespräch kam. Er lebte in Berlin und fuhr nach Polen, um eine Bekannte zu besuchen. Ich erzählte ihm, warum wir alle ein Jahr lang als Freiwillige arbeiten wollen. So kam es, dass wir uns auf der Fahrt noch lange über Schuld und Verantwortung der Deutschen unterhielten.

Es war das erste Gespräch von mehreren dieser Art, die im Laufe meiner Freiwilligenzeit und danach noch folgen sollten. Ich habe sie alle als Deutsche geführt, obwohl mein Vater Türke ist, was mich sozusagen zur Halbtürkin macht. Aber ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen und spreche wenig türkisch. Ich bin Deutsche – und gleichzeitig bin ich auch ein bisschen Türkin. Das schließt sich keineswegs gegenseitig aus, gerade in einem Einwandererland wie Deutschland, wo die vielen Minderheiten zu einem Teil dessen geworden sind, was die nationale Identität ausmacht.

Freiwilligendienst in Polen (Krakau)

Was kannst du dafür, Pelin?

Deshalb wundert es auch nicht, dass ich in Polen als Deutsche betrachtet wurde. Und das war gut so. Denn so konnte ich eine Art Botschafterin des Landes sein, von dem im Zweiten Weltkrieg die grausame Unterdrückung Polens und anderer Länder ausging. So konnte ich in Polen die übernächste Generation der Deutschen vertreten, bei der sich viel geändert hat.

Ich wollte Freunde gewinnen und zusammen mit ihnen beweisen, dass weder die Geschichte noch unterschiedliche Nationalitäten unserer gegenseitigen Wertschätzung und Zuneigung im Wege zu stehen brauchten. Und tatsächlich: Ganz abgesehen davon, dass zumindest meine Großeltern väterlicherseits als Täter ausgeschlossen waren, wären meine polnischen Freunde ohnehin nicht auf die Idee gekommen, mir â€“ als Deutscher â€“ Schuld zuzuweisen. Auch von den Überlebenden, denen ich in meiner Projektarbeit begegnet bin, hat das keiner je getan.

Freiwilligendienst in Polen (Krakow)

Alina G., eine polnische Patriotin, die zwei Jahre im Konzentrationslager Ravensbrück überlebt hat und die ich im Rahmen meiner Arbeit als Freiwillige betreute, hat einmal zu mir gesagt: »Was kannst du dafür? Du bist mir nichts schuldig.« Eine große, wunderbare Geste frei von Hass und Zorn, die sie mir nicht erbracht hat, weil mein Vater Türke ist. Sie hat sie mir als einer Deutschen erbracht.

Verantwortung tragen wir alle

Wenn ich nun also Deutsche bin und trotzdem keine Schuld habe – welchen Sinn hatte dann der Freiwilligendienst mit Aktion Sühnezeichen? Er hatte Sinn, aber aus keiner Schuld, sondern aus Verantwortung heraus. Verantwortung haben wir heute den Opfern gegenüber, solange sie noch leben â€“ und das vielleicht sogar wirklich als Deutsche, weil wir für die Opfer Enkel der Generation sind, der ihre Täter angehörten.

Freiwilligendienst in Polen (Krakow)

Vor allem aber tragen wir Verantwortung für die Gegenwart und die Zukunft. Es liegt an uns, zu verhindern, dass es zu Krieg und Gewalt kommt, ob in Deutschland oder sonst irgendwo. Diese Verantwortung trägt jeder, überall, egal, welcher Nationalität. Auch wir Deutschen tragen sie, ob nun unsere Großeltern Nazis waren oder ob sie nie in Deutschland gelebt haben. Denn verantwortlich sind wir in erster Linie gar nicht als Deutsche, sondern als Menschen.

So habe ich damals auch dem jungen Briten erklärt, warum ich – Türkin und Deutsche – im Zug nach Polen sitze.