Severin Wohlleben
ASF-Freiwilliger in Norwegen
Projekt: Kindergarten und TagesstĂ€tte fĂŒr psychisch Kranke der Betania Stiftelsen

Am 11. September 2006 ging es auf in den Norden. Unsere LĂ€ndergruppen mit neun anderen Freiwilligen aus ganz Deutschland war die letzte Gruppe, die ihre Ausreise antrat. Am Nachmittag machten wir uns auf und landen um 23 Uhr in Oslo. Untergebracht waren wir zuerst fĂŒr drei Tage in der deutschen Gemeinde. Den zweiten Teil des LĂ€nderseminars verbrachten wir auf einer HĂŒtte in der NĂ€he von Oslo.
Am 20. September ging es fĂŒr mich und meine Mitfreiwillige Rebekka endlich nach Alta. Keiner von uns wusste, was uns dort wirklich erwartete. Nach zwei Stunden Flug verĂ€nderte sich dieser Zustand allerdings nach und nach. Als wir bei 4° ĂŒber Null aus dem Flugzeug stiegen, waren wir begeistert und platt zugleich. Durch die âStadtâ fuhren wir zu Betania â der Institution, in der wir fĂŒr ein Jahr arbeiten werden. Bevor ich auspackte, erkundete ich zuallererst einmal die nĂ€here Umgebung.

Mein erster Arbeitstag war ein Freitag. Es funktionierte einfach ohne Worte. Zumindest bei den Kindern. Man muss oft gar nicht so viel sagen. Wie das genau mit meinen Kolleginnen ohne die Sprache funktionieren konnte, weiĂ ich gar nicht mehr so genau. Englisch gesprochen haben wir aber so gut wie gar nicht. Der Chef von Betania meinte da nur âWir sprechen kein Englisch mit Euch, ihr sollt Norwegisch lernenâ. Irgendwie hat es dann gut geklappt.
In der ersten Zeit war ich hauptsĂ€chlich einfach nur da. Versuchte mich so gut wie möglich nĂŒtzlich zu machen, mit den Kindern und meinen Kolleginnen warm zu werden und lernte zu verstehen und zu reden, vor allem aber auch Vertrauen zu den Kindern aufzubauen. Bei einigen der Kinder war relativ schnell ein gutes VertrauensverhĂ€ltnis aufgebaut, bei anderen hat es sehr lange gedauert. Als jedoch Erik eines Nachmittags meinte âSeverin soll mir beim Klohgehn helfenâ, war das schon ein gutes GefĂŒhl.
Ob wir raus gehen oder nicht, hĂ€ngt vom Wetter ab. Wobei es schon arg kalt sein muss, wenn die Kinder nicht im Schnee rumtoben. Bis -10° und Windstille ist es aber gar keine Frage, nach drauĂen zu gehen. Die norwegischen Eltern statten Ihre Kinder mit der richtigen Kleidung aus und somit ist das DrauĂensein kein Problem. Dass die kleinen Kinder im Wagen nachmittags drauĂen schlafen, hat mich zu Beginn auch sehr verwundert und dann beeindruckt. Selbst bei -20° werden die dick eingepackten Kleinen in ihren Wagen gelegt und vor die TĂŒr ins Freie geschoben. KĂ€ltetechnisch ist das gar kein Problem. KĂ€lte ist reine Definitionssache.

Zu Beginn im Kindergarten fragte ich mich, was hier nun wohl meine Aufgabe als âFredsarbeiderâ sein wird. Es war ja alles neu. Wie ich spĂ€ter erfuhr, ist die Entscheidung, dass ich im Kindergarten arbeite, erst kurz zuvor gefallen. Dadurch war das Ganze natĂŒrlich keine einfach Situation fĂŒr mich. Eigentlich wurde ich von ASF fĂŒr die Arbeit mit psychisch Kranken genommen. Aber mir hat es im Kindergarten sofort gefallen und ich fĂŒhlte mich sehr herzlich aufgenommen und wohl.
Und trotzdem war ich unzufrieden, ja zum Teil sogar sehr unglĂŒcklich. Eine mĂŒhselige Zeit. Im Dezember kam dann unsere LĂ€nderreferentin zum GesprĂ€ch und ich erklĂ€rte, das ich doch eigentlich nicht nur zum Windeln wechseln da sein wollte. Meine Chefin Reidun war mehr als verstĂ€ndnisvoll und voller Tatendrang einige Sachen zu verĂ€ndern. DarĂŒber bin ich sehr froh. Und ich bin gespannt, was noch kommen wird.

Ich erlebe jeden Tag aufs neue schöne wundervolle kleine Situationen, die mir wahnsinnig viel zurĂŒckgeben. Wenn dann ein Kind sagt: âHast du nicht Lust mit mir vom HĂŒgel runterzurodelnâ, oder âKomm, steh auf, ich hab jetzt Lust zu rutschenâ sind das GlĂŒcksmomente und eben Highlights.
DarĂŒber hinaus war das ZurĂŒckkommen der Sonne ein Highlight. Zum einen, die Sonne hier oben nach fast drei Monaten Absenz wieder zu sehen. Zum anderen die Reaktion der Kinder und der Erwachsenen gleichermaĂen. Die Tage zuvor hörte man schon ĂŒberall âHast du die Sonne schon gesehen?â. Dazu muss man sagen: es kommt ganz darauf an, wo man steht, wann man die Sonne das erste mal wieder sieht. Dieses Hallo oben auf dem HĂŒgel des Kindergartens, als sie dann endlich zu sehen war, das war ein Highlight nach fast drei Monaten Dunkelheit.
Heute fiel nun die Entscheidung: Ab der 25 Kalenderwoche werde ich im âDagsenterâ von Betania arbeiten. Das âDagsenterâ ist eine TagesstĂ€tte fĂŒr psychisch Kranke, die selbststĂ€ndig wohnen. Das Kindergartenjahr geht im Juli zu Ende und somit ist dies ein guter Zeitpunkt um zu wechseln. Ich bin gespannt, was bis dahin passiert und wie sich der Wechsel gestalten wird. Bis dahin aber wird noch viel Zeit sein. Viel Zeit, um mit den Kinder SchneemĂ€nner zu bauen, am Fjord entlang zu gehen, Windeln zu wechslen und beim Anziehen zu helfen. Ich freue mich auch auf diese Zeit.
Severin Wohlleben
Januar 2007