Aness Yacoubi
ASF-Freiwilliger in den USA
Projekt: Holocaust Memorial Museum in Washington

Das Holocaust Memorial Museum in Washington, DC. war mein Wunschprojekt: Hier führe ich Gruppen durch die Ausstellung, arbeite mit einer riesigen Datenbank, die 135.000 Holocaust-Überlebende erfasst, und helfe Leuten bei der Spurensuche in ihrer Familiengeschichte. Viele der Überlebenden reagieren überrascht und schockiert, wenn sie erfahren, dass ich aus Deutschland komme. Sie sind aber neugierig und fragen mich, wie die Situation in Deutschland heutzutage ist. Wir kommen dann ins Gespräch und tauschen unsere Erfahrungen aus.

Ich bin in Wolfsburg geboren und multikulturell aufgewachsen. Ich lege viel Wert auf meine tunesischen und islamischen Wurzeln und fĂĽhle mich gleichzeitig in der deutschen Kultur zu Hause. Hinzu kommen meine sprachlichen Interessen. Ich liebe es mit Menschen in unterschiedlichen Sprachen zu kommunizieren.

In Deutschland war die Reaktion immer folgende: ”Hast du keine Angst als Moslem in Amerika im Holocaust Museum zu arbeiten?”. Ich hatte keine Angst. Wovor denn? Im Gegenteil. Die Menschen hier sind sehr offen und tolerant. Selbst nach dem 11. September gibt es hier keine Probleme zwischen Juden und Moslems. Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen: Meine Arbeitskollegen und mein Chef sind alle jüdisch und ich arbeite sehr, sehr gerne mit ihnen zusammen.
Besonders positiv finde ich, dass mich die Amerikaner – im Gegensatz zu den Deutschen – als Deutschen ansehen. In Deutschland werde ich immer als Tunesier angesehen. Zwar ist die tunesische Kultur für mich sehr wichtig, aber ich bin kein Tunesier. Das stört mich eben an Deutschland. Ich kann machen, was ich will, ich bin und bleibe ein Tunesier.

Die Amerikaner stellen im Allgemeinen gar keine Fragen, woher meine Vorfahren kommen. Wenn sie mich fragen, woher ich komme, dann sage ich aus Deutschland und sie geben sich damit zufrieden. Es ist ja nicht so, dass ich meine Wurzeln verleugne, aber ich fĂĽhle mich eben nicht wie ein Tunesier, sondern als Deutscher, ein deutscher Moslem.
Die Zeit meines Freiwilligendienstes sehe ich als Chance, mehr zur Verständigung zwischen Moslems und Juden und zwischen Deutschen und Amerikanern beizutragen. Als Einzelner ist das natürlich schwer. Aber vielleicht kann ich einfach ein Beispiel sein. Wir müssen anfangen gemeinsam für das Wohlergehen aller zu arbeiten, unabhängig von der Nationalität und der Religion.
Mit meinen Freiwilligendienst will ich zumindest zeigen, dass es klappt.
Aness Yacoubi
Washington, Januar 2004